Mein Jakobsradweg von Wernigerode nach Santiago de Compostela und bis ans Ende der Welt (2786km)

Am 15. August begann ich in diesem Jahr die Radtour. Dass es der Tag „Maria Himmelfahrt“ ist – reiner Zufall! Doch etwas himmlische Fürsprache kann ganz sicher nicht schaden! Noch immer ohne E – Bike unterwegs, wagte ich mich an ein Routenprojekt heran, um das ich mich schon seit Jahren respektvoll herumdrücke. Gute Gründe es „noch“ nicht zu wagen gibt es immer, aber wenn es Wirklichkeit werden soll, dann eben jetzt und heute. Später könnte vielleicht zu spät sein.

Neuerungen gibt es diesmal etliche. So bin ich noch nie so spät im Jahr auf Tour gegangen. Noch nie habe ich so lange vorgeplant, etliche Varianten erwogen, aber auch noch nie hatte ich das Gefühl, dass trotzdem viele Unwägbarkeiten auf mich warten könnten. Deshalb auch nur einige Quartiere für die ersten Tourtage vorgebucht.

Alles andere wird sich – so hoffte ich zu recht –  ergeben. Sollte das Wetter, das Material und vor allem mein Körper(!) mitspielen, dann könnte es schlichtweg meine persönliche „Königstour“ werden, das war klar.

Ach so: Wie 2016 angekündigt, nahm ich auch weniger Gepäck mit. Es waren – nachgewogen – lediglich 12kg insgesamt! Davon schickte ich ca. 3kg trotzdem vorzeitig nach Hause, weil: Überflüssig!

Gewissermaßen als Prolog, war ich einige Tage vor dem Start zum Brocken gefahren, um mir vom Gipfel einen Stein mitzunehmen. Sollte es halbwegs so klappen, wie es geplant, dann würde der Stein nochmals eine „tragende“ Rolle spielen, worauf ich in diesem Falle zurück kommen wollte!

Ich hatte die Gesamtroute in mehrere Komplexe eingeteilt, weil es einfach zu viele Unwägbarkeiten geben konnte, die das Gesamtprojekt zum Scheitern bringen würden. Deshalb hielt ich es für ratsam, von Teil zu Teil zu offenbaren, worin jeweils die Zielstellung bestand, um gegebenenfalls unter Gesichtswahrung, jederzeit bzw. nach jedem Teilabschnitt – erfolgreich(!) – aussteigen zu können. Das hat seine Hintergrundgeschichte.

“Tue Gutes und rede drüber” ist ein Ausspruch, den ich irgendwann  irgendwo gehört habe und der mir gefiel, weil ich auch am liebsten erst Taten sprechen lasse und dann erst rede. Ansonsten könnte man natürlich länger darüber philosophieren, was denn „Gutes“ wäre oder nicht. Für mich jedenfalls , dies vorweg genommen war es außerordentlich Gutes!

Es gehört für mich zudem persönlich zu den größten Peinlichkeiten, großmächtige Ankündigungen zukünftiger Projekte  in der Öffentlichkeit auszuposaunen, wenn nicht gesichert ist, das Angekündigte auch zur Realität werden zu lassen und wenn sich das ganze Wortgeklingel in Wohlgefallen auflösen könnte.

Das mag in einem Umfeld, wo man aktuell – nicht nur in der Politik- den Eindruck gewinnen kann, dass nicht mehr das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht, unmodern erscheinen, ist für mich aber Maßstab für eigenes Tun.

So auch für meine Radtourprojekte. Schon nach meiner ersten Radtour, die mich damals von den Alpen,an der Etsch entlang, nach Venedig führte, geriet der Jakobsweg in mein Visier. Jahrelang hab ich diese Option aufgeschoben. Zum einen hatte ich nicht genug Urlaubstage und eine Begründung passt immer: Erst mehr Erfahrung sammeln!

Irgendwann in diesem Jahr wurde mir klar: Was nützt dir alle Erfahrung, wenn dann die Kondition nicht mehr ausreicht?

Ich habe selbst Vorlesungen über das Thema ” Motorische Ontogenese” gehalten und weiß von daher bestens Bescheid, wie der körperlich- sportliche Entwicklungsverlauf in jedem Lebensabschnitt aussieht. Für einen im Alter ” 65+ ” bieten sich da keine großen Entwicklungspotentiale mehr. Deshalb stand schnell fest, wenn nicht 2017, dann vielleicht nie mehr. Aber ein Projekt dieses Ausmaßes, mit ca. 2700 Kilometern, bei zudem reichlich Höhenmetern, ankündigen und dann nicht schaffen – für mich unvorstellbar!

Deshalb – und dies war der Grund dafür –  immer erst nach und nach mit den Realitäten heraus rücken und zwar erst dann, wenn es bereits geschehen ist und niemals davor. Also zuerst bis Paris unter dem Motto ” Mit einem Fahrrad nach Paris…” – geschafft! Doch gerade bis Paris/ Versailles hatte ich ziemlich zu kämpfen, um den verschiedenen Umständen und dem Dauerregen gerecht zu werden und doch irgendwie in meinem Rahmenzeitplan zu bleiben. Der 1. Ruhetag in Paris/ Versailles nach 8 gefahrenen Tagesetappen besiegelte diesen ersten Tourabschnitt.

Die Etappen:

  1. Wernigerode –  Höxter 160 km
  2. Höxter – Paderborn  – Dortmund 68 km
  3. Dortmund – Wuppertal  -Aachen 108 km
  4. Aachen  – Lüttich – Namur 73 km
  5. Namur – Beaumont  –    Froidchapelle 116
  6. Froidchapelle  – Dorengt 73 km
  7. Dorengt  – Jaux 130 km
  8. Jaux – Versailles. 73 km
  9. Ruhetag in Paris/ Versailles.

 

Dann von dort nach Bordeaux unter der Überschrift ” Ein Gläschen Bordeaux in Bordeaux” – geschafft!

Nachdem für mich feststand, dass Paris erstes Teilziel sein würde, galt es, ein weiteres Teilziel zu finden. Schon beim Studium der Karten, kam mir das Wortspiel “ein Gläschen Bordeaux in Bordeaux ” in den Sinn und setzte sich hartnäckig fest. Also schaute ich, wie weit das eigentlich ist – Passt!

Also eine Route mit entsprechenden Tagesetappen planen und in dem Zusammenhang  schauen, was es eventuell bereits an Routenbeispielen gibt. Dabei stieß ich auf die “Via Turonensis” und lernte, dass dies der nördlichste von 4 Pilgerwegen durch Frankreich sei, die – faktisch im Paket  – zum UNESCO WELTKULTURERBE ernannt wurden, wegen ihrer kulturhistorische Bedeutung.  An dieser Route habe ich mich dann orientiert.

Dieser Pilgerweg beginnt in Paris, nahe der Kathedrale Notre Dame und führt erst einmal bis zur Grenze nach Spanien. Bedeutende Städte liegen an ihr, die kulturelle, historische und religiöse Highlights von Weltrang zu bieten haben. Nacheinander erreichte ich, meist auf guten Radwegen, wie z. B. dem traumhaft schönen Loireradweg, streckenweise auf kleinen und größeren Straßen radelnd, Orleans, Tours, Poitiers und das vielen eher unbekannte Saintes , wo nicht nur eine romanische Kathedrale, die auf das 6. Jahrhundert zurück geführt wird, sondern z.B. auch römische Hinterlassenschaften, u.a. ein Triumphbogen des Germanicus aus dem Jahre 12 BC, bewundert werden können.

BORDEAUX war ein weiterer Höhepunkt auf dieser Tour und trotz der immer noch 34 C um 23.00 Uhr, habe ich dort mein Gläschen Bordeaux geleert.

Vom quirligen Bordeaux weiter zur Atlantikküste, die ich bei Mimizan erreichte und wo ich dann unverzüglich zum Bad im Atlantik an einem breiten, feinsandigen Strandabschnitt schritt . Eine Wohltat für den Körper nach harten Tagen mit täglich vielen Stunden im Sattel.

Der Folgetag bescherte mir einen ca. 120 km Küstenradweg allerbester Güte auf dem ich, immer an der Küste entlang, meist durch Wälder radeln, das mondäne französische Atlantikbad Biarritz erreichte.

Radfahrerisch ist Frankreich ein wahres Schlaraffenland. Die Radwege, die ständig erweitert und ausgebaut werden, sind beispielhaft! Da, wo es keine gibt, werden breite Seitenstreifen gelassen, wo man auch bei jedem Verkehr sicher radeln kann. Ich habe nur rücksichtsvolle Lkw- und Pkw – Fahrer erlebt, obwohl ich auch mehrere 100 km auf Straßen unterwegs war.

In geradezu harmonischer Eintracht wechselten sich auf der Tour zudem Passagen des Pilgerweges Via Touronensis und die Radwege ab.  Mal fuhr ich auf diesen dann auf jenen, wenn sie nicht, was häufig der Fall war, sogar miteinander identisch waren. Hatte ich schon Paris gelobt für das erstklassige Fahrradkonzept, so war Bordeaux, durch das ich ebenfalls in voller  Länge hindurch fuhr, diesbezüglich die Krone – einfach nur exzellent!

Ebenso unspektakulär wie der Wechsel von Belgien nach Frankreich, gestaltete sich jener von Frankreich nach Spanien. Ich war auf einmal da! Hatte am frühen Morgen in Biarritz schnell den Küsten- bzw. Jakobsradweg wieder gefunden und war auf diesem weiter an der Steilküste entlang, übrigens erstmals auf diesem 2. Teilabschnitt im Regen, Richtung San Sebastian unterwegs, als sich dann lediglich die Straßenbezeichnungen änderten. Keinerlei Grenzschilder oder ähnliches – wunderbar.

Diese Tage waren  eher heiß, nur ein Tag Regen und zwei kurze Gewitter, ansonsten regenfrei und alles lief, wie geplant, hat mir wunderschöne Erlebnisse und Eindrücke vermittelt. Was für ein tolles Radfahrerland Frankreich doch ist, welche kulturellen und historischen Schätze! Natur pur an der Atlantikküste bevor es nach Spanien hinein und nach Pamplona ging, wo der ersehnte 2. Ruhetag eingelegt wurde.

 

Die Etappen:.

  1. Versailles  – Orleans 130km
  2. Orleans – Tours 132km
  3. Tours  – Poitiers 112km
  4. Poitiers – Saintes 140km
  5. Saintes – Bordeaux  128km
  6. Bordeaux  – Mimizan 131km
  7. Mimizan  –  Biarritz  126km
  8. Biarritz – San Sebastian – Pamplona 120 km
  9. Ruhetag in Pamplona

 

Als Frankreich durchquert war, ließ sich zudem nochmals gut ” Über meine persönliche Tour de France” berichten. Denn es bis dahin überhaupt geschafft zu haben, war die unabdingbare Voraussetzung dafür, meine Traumtour insgesamt Wirklichkeit  werden zu lassen.

Bis dahin hätte so vieles schief laufen können. Deshalb – wie schon erwähnt – keine großen Vorankündigungen- ” Ball flach halten”, um jederzeit mit Anstand und ehrenhaft aussteigen zu können.

Aber dann: Spanien erreicht, in die Pyrenäen hoch und als ich in Navarras Hauptstadt Pamplona den 2. Rasttag auf der Tour einlegte, war ich mir erstmals absolut sicher, es wirklich zu schaffen. Erst dann erlaubte ich mir, über das Projekt ” Mein Jakobsradweg von Wernigerode nach Santiago de Compostela “ unverblümt zu sprechen!

Selbst die Familie war bis dato im Unklaren und wusste nur, dass ich auf mehrwöchige Radtour gehe.

Dabei hatte ich mich von Anfang an auf den europäischen Jakobspilgerwegen, genutzt bereits seit dem Mittelalter, bewegt, was auch an den einzelnen Stationen nachzuvollziehen ist.

Der Pyrenäenaufstieg forderte Tribut – deshalb der Ruhetag heiß herbei gesehnt!

Danach meist sehr anspruchsvolle, deshalb  deutlich kürzer gewählte Etappen mit nur einem Ausreißer. Das war aber so erwartet und auch geplant worden. Denn ich hatte nach allen mir zugänglichen Informationen, im Chat war die Rede von Tagen mit höchstens 35 km(!), sogar mit extremeren Bedingungen gerechnet und mehr Fahrtage geplant. Tatsächlich bin ich an einigen Tagen die erwartet vielen Höhenmeter gefahren. Vergleichbar Wernigerode – Brockengipfel, aber täglich! Bin letztlich trotzdem meinem Zeitplan deutlich voraus gewesen.

 

Es würde inzwischen Bände füllen, auch nur ansatzweise über besondere Momente, spezielle Eindrücke oder auch die zahlreichen Begegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt, denen ich auf dem Jakobsweg, in den Pilgerherbergen oder bei Rastpausen begegnete und mit denen ich ins Gespräch kam, zu berichten.

Phantastische Natureindrücke bescherte mit auch meine “Vuelta” einmal quer durch Spanien, in den Pyrenäen, sowie die so unterschiedlichen Provinzen Navarra, die Weinprovinz La Rioja, Kastilien mit der die Gegend bei Leon prägenden Meseta – Landschaft bis nach Galicien, mit grünen Bergen, zahlreichen Flüssen und ziemlich rauem Klima, wo Santiago de Compostela liegt.

Besonders prägend waren jedoch die Begegnungen mit den Menschen. In den Pilgerherbergen, war man immer mindestens mit vier Personen, manchmal aber auch mit 30 – 50 beiderlei Geschlechts in den Schlafsälen, aus aller Herren Länder zusammen nächtigte. Mit großer Aufgeschlossenheit traten einem alle entgegen, man sprach im wahrsten Wortsinne über „Gott und die Welt“ oder plauderte über die Erlebnisse und persönlichen Erfahrungen auf dem Camino.

Mich beeindruckte auch sehr, dass trotz unübersehbar fortschreitender Tendenz zur verschärfen Kommerzialisierung, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für alle Städte und Gemeinden war und ist der Camino schon immer seit dem Mittelalter, sich vielen Ortes  noch Ursprüngliches bewahrt hat. Es gibt noch Pilgerherbergen, wie jene in Foncebadon, wo Sebastian mit seiner Frau ehrenamtlich für einige Wochen faktisch alles managt, wo man als Pilger mit Pass einen  Schlafplatz, bescheidenes Abendessen sowie Frühstück bekommt, dafür nichts zahlen muss, sondern lediglich um eine Spende gebeten wird. Das alle gemeinsam zu Abend essen, die für diese Nacht hier zufällig zusammen gekommen sind, schafft Nähe bzw. wirkt verbindend. Meist zahlt man in den einfachen Pilgerherbergen mit Pilgerpass, dem “Credencial del Peregrino” zwischen ca. 5 bis 10 Euro für ein Bett im Schlafsaal. Den eigenen Schlafsack sollte man deshalb unbedingt dabei haben!  Hier und da gibt es in der Herberge ein Pilgermenü, “Menu del Peregrino”, welches aus zwei Gängen, meist einem Getränk und manchmal noch einem Dessert besteht, für um die 10 Euro. Bietet die Herberge dies, dann wird gemeinsam gegessen. Bietet sie es nicht, dann finden sich im Umfeld meist ein oder mehrere kleine Restaurants o.ä., wo man das Menu del Peregrino bekommt.

Eher selten muss man auf die sprichwörtliche Rucksackverpflegung zurück greifen, aber etwas sollte man sicherheitshalber dabei haben.

Insbesondere mit der Pilgerherberge in Foncebadon verknüpft sich für mich ein besonders  emotionales Erlebnis. Dort, nur ca. 2km unterhalb des legendären Cruz de Ferro, dem höchsten Punkt des Camino auf 1530m, hatte ich ganz bewusst meine Übernachtung eingeplant, denn den höchsten Punkt der Tour wollte ich am folgenden Morgen – bei Sonnenaufgang – erreichen.

„Cruz de Ferro“, das ist für viele Pilger und war es auch für mich, ein ganz besonderer emotionaler Höhepunkt auf dem Jakobsweg. Diesem legendären Punkt wird entgegen gefiebert, er ist aber wegen der endlos langen Steigung des Weges bis dahin, auch gefürchtet. Belohnt wird man oben mit einem phantastischen Rundblick und einfach auch der besonderem Ausstrahlung des Ortes.

Es ist Tradition, dass man hier einen mitgebrachten Stein ablegt. Am besten solle man diesen aus der Heimat mitbringen, heißt es.  Mit dem Ablegen des Steines würde man sich symbolisch von einer Last befreien und könne nunmehr den Jakobsweg erleichterter fortsetzen, so die geläufigste Deutung. Es gibt weitere Interpretationen, doch unabhängig davon, ist es eine Tradition, die ich gern mit fortsetzen möchte. Mit dem entsprechenden Hintergrundwissen schon vor Tourstart, war ich, wie schon eingangs erwähnt, gewissermaßen als “Tourprolog”, mit dem MTB von Wernigerode zum Brocken gefahren und habe vom Gipfel ja einen kleinen Stein mitgenommen. Wirklich nur einen kleinen Stein, denn es ging auch ums Gewicht!

 

Deshalb hatte ich die Tagesetappe von Leon aus so zugeschnitten, dass ich im kleinen Dörfchen Foncebadon, nur noch ca. 2km vor dem Cruz de Ferro, in einer Pilgerherberge übernachten konnte. Die Planung passte  und so liegt  nunmehr seit dem 07.09.2017, kurz nach 08.00 Uhr  auch mein Stein vom heimatlichen Brockengipfel (1142m), am Cruz de Ferro (1530m) am Jakobsweg! Auch das hat also perfekt geklappt!

 

Nach mehr als 2700km bin ich nun dort angekommen, wo im 9. Jahrhundert das Grab des Jokobus gefunden wurde. Das löste dann die Pilgerbewegung im Mittelalter hierher aus.

Ein Einsiedler soll es im “Sternenfeld”(lat. Campus stellae) gefunden haben, woraus dann “Compostela” wurde.

Am Monte de Gozo, dem “Berg der Freude”, sieht man die Türme der Kathedrale erstmals richtig, wenn man sich dem “Sehnsuchtsziel” nähert. Kann ich bestätigen! Deren Bau wurde übrigens  im Jahr 1075 begonnen.

Das Glücksgefühl, es fast geschafft zu haben, stellt sich an diesem Punkt wohl  bei  den  meisten ein. Hat man doch das 3. der wichtigsten christlichen Pilgerziele- nach Rom und Jerusalem- erreicht.

Das letzte Wegstück führt dann wie selbstverständlich zur Kathedrale und auch diesbezüglich befolgte ich dabei die traditionellen Regeln. Denn man tritt zünftig über einen entsprechend kenntlich gemachten Stein auf den Platz vor der Kathedrale, denn er symbolisiert die Ankunft und das Ende der Pilgerreise. Durchs Hauptportal kann man wegen Bauarbeiten momentan nicht eintreten, doch durch eines der Nebenportale begibt man sich dann in die Kathedrale, zum Hauptaltar mit der großen Jakobusfigur, denn die wird von jenen, die erfolgreich gepilgert sind, von hinten umarmt, so der traditionelle Brauch. So natürlich auch ich!

Das wäre ein spektakuläres Foto geworden, aber hier ist fotografieren streng untersagt. Schade, aber auch verständlich.

Übrigens finden täglich, mittags und abends, 2 Pilgermessen statt und vor beiden wird täglich bekannt gegeben, wie viele Pilger, aus welchen Ländern, das Pilgerziel in Santiago de Compostela an diesem Tag wieder erreicht haben.

Am späteren Nachmittag führte auch mich der Weg zum Pilgerbüro, um dort meinen sorgfältig geführten Pilgerpass, meinen “Credencial del Peregrino”, vorzulegen und als äußeres Zeichen und Beweis für die erfolgreiche Pilgerradfahrt die Pilgerurkunde „Compostela“ in Empfang zu nehmen. Für einen zusätzlichen Obolus erwerbe auch ich das Anrecht, auf eine zweite, individuelle Urkunde, auf den neben meinem Namen, der Starttag (15.August 2017 – Maria Himmelfahrt), der Ausgangsort Wernigerode und die Gesamtkilometerzahl ( für mich bis hierher 2701km) verzeichnet sind. Sehr schöne Erinnerung!

Es bedarf dafür ausgeprägte Geduld,  denn in geradezu unübersehbar langer Warteschlange heißt es lange anstehen. Trotzdem kein Unmut unter den geduldig Wartenden, denn auch im Pilgeroffice, wo die genaue Prüfung der Pässe und nachfolgende Ausstellung des Pilgerdiploms erfolgt, sind viele ehrenamtliche Volunteers tätig.

Die Voraussetzungen zur Erlangung der Urkunde habe ich auf meiner 2701km langen Reise, mit nur 4 Reifenpannen(!) , mehr als nur erfüllt. Jeden Tag einen Pilgerstempel und ab 200km vor Santiago de Compostela benötigen Radpilger, übrigens auch Reitpilger ( kein Witz!) täglich 2 Stempel. Für Fusspilger gilt die Zweistempelregelung für die letzten 100km.

Das wird genau überprüft. Bei mir gibt es erwartungsgemäß keine Beanstandungen. Mein Compostela – Pilgerdiplom habe ich mir hart und regelkonform erfahren, deshalb wird sie ganz sicher einen würdigen Platz in der Wohnung daheim finden!

Da es sich so ergab, war ich zuvor im Hotel und war beim Schlangestehen wenigstens  frisch geduscht und bereits ” in Zivil”. Meine Unterkunft ist zwar auf Pilger als Gäste spezialisiert, es war aber nicht die 1498 von dem Königspaar Fernando und Isabell gestiftete Pilgerherberge, 1509 eröffnet, welche übrigens als das älteste Hotel  der Welt gilt und sich hier befindet.

In dem Hotel ruhte ich mich den Rest des Tages aus, schrieb an meinem Tagebuch und freute mich auf den folgenden Ruhetag. Es war ja erst der 3. Rasttag insgesamt, aber nach dem dritten Teilabschnitt herbei gesehnt, denn ich wollte ja in den nächsten Tagen, dann aber in geradezu homöopathischen Kilometerlängen, noch weiter “bis ans Ende der Welt” und nach Muxia!

 

 

Die Etappen:

  1. Pamplona – Los Arcos 72km
  2. Los Arcos – S.Domingo de la C. 96km
  3. S.D. – Burgos 72km
  4. Burgos – Sahagun 133km
  5. Sahagun – Leon 69 km
  6. Leon – Foncebadon 84 km
  7. Foncebadon – Pedrafita do Cebreiro 91 km
  8. Pedrafita d.C. -Portomarin 71km
  9. Portomarin – Arzua 57km
  10. Arzua – Santiago de Compostela 39 km
  11. Ruhetag in Santiago de Compostela

 

Gesamt bisher: 2701 km

 

Am 30./ 31. Tourtag ging es dann bis ans Ende der Welt – Finis Terrae – und nach Muxia, denn Santiago de Compostela mit dem Apostelgrab des Jacobus ist zweifellos das bedeutende Pilgerziel und Heiligtum, aber wirklich zu Ende ist die Pilgerreise erst am Kap Finisterre, ca. 90 km von S.d.C. entfernt an der sehr gebirgigen Atlantikküste.

Schon Kelten, Römern oder Phöniziern galt  das Kap wegen seiner exponierten Lage als bevorzugter Platz für Fruchtbarkeitrituale bzw. den Sonnenkult. Der phönizische Sonnentempel “Ara Solis” soll hier gestanden haben. Für die Römer war hier am Kap das ” Finis Terrae”, das Ende der Welt. Ab hier begann für sie das “Mare Tenebrosum”, das Meer der Finsternis.

In zwei oder 3 Quellen, die ich zu dem Thema studierte, verortete man im Atlantik dann später auch irgendwo die sogenannten “Inseln der Glücksseeligen”. Nähere Erläuterungen fand ich allerdings nicht.

 

Nach der Entdeckung des Apostelgrabes des Jacobus im 9. Jh., begann dann auch eine Vermischung christlicher und vorchristlicher Riten und Bräuche. Zu den wichtigsten Ritualen, deren Tradition bis auf das mittelalterliche Pilgern zurück geführt wird, gehört das Verbrennen der ganzen oder zumindest von Teilen der auf dem Weg getragenen Pilgerbekleidung am Kap. Man beginnt mit einem Bad im Meer, dann wird Kleidung verbrannt und – wenn es ihn denn gibt – dem Sonnenuntergang beigewohnt. So absolviert, soll man am kommenden Tag als neuer Mensch erwachen.

Natürlich habe ich dieses Ritual – wenn auch mit Schwierigkeiten – absolviert. Bad im Meer in einer schönen Bucht mit wunderbaren Sandstrand. Wasser war deutlich wärmer als z.B. in der Ostsee. Für das symbolische Verbrennen brauchte ich erst einmal ein Feuerzeug! Endlich fand sich ein Raucher, der mir aushalf. Hauptproblem war, ein Kleidungsstück zu finden, welches auch wirklich brennt und nicht mehr so dahin schmilzt, wie die Hightech Kleidung , in der natürlich auch ich unterwegs war! Es fand sich dann doch ein Baumwollsocken …

Nur mit dem Sonnenuntergang sah es schlecht aus, denn die Wolkendecke war und blieb dicht.

 

Nicht am wirklichen Ende des Pilgerweges, in Fisterra, wie die Einheimischen hier sagen, gewesen zu sein, weckt bei jenen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht bis ” zum Ende der Welt” bekommen sind, fast schon ein Schuldgefühl und etwa nicht bis nach Finisterre zu radeln, spielte zu keinem Zeitpunkt in meinem Kopf eine Rolle. Komme ich bis Santiago de Compostela, dann auch nach Finisterre. Diesbezüglich gab es für mich nicht den geringsten Zweifel !

Also auf nach Fisterra, wieder etliche Höhenmeter, um als unzweifelhaften Beweis dafür wirklich am “Ende der Welt ” gewesen zu sein, die Pilgerurkunde “Fisterrana” nach Vorlage meines bis hierher weitergeführten Credencial zu erhalten! Ja, nun auch diese Urkunde erworben zu haben, fühlte sich hervorragend an!

 

Muxia ein kleines Dörfchen ebenfalls in exponierter Kaplage am Atlantik, vergibt gewissermaßen als 3. Pilgerstätte am Jakobsweg ein Diplom für die Pilgerreise bis zu diesem Ort. Die Legitimation dafür leiten sie aus der Legende ab, dass Jakobus während der Missionierung in diesem Teil der Iberischen Halbinsel der Mut zu verlassen drohte, worauf hin ihm hier vor Muxia die Muttergottes in einem steinernen Kahn erschien, um ihm Zuversicht zu geben. Dem zu Ehren entstand das Heiligtum der Virxe da Barca, eine schlichte Steinkirche auf der Landspitze vor der Küste bei Muxia.

Wer so viele Radkilometer zurück gelegt hat und gestern gar “Am Ende der Welt” war, der schreckt vor den letzten 37km zwischen Finisterre und Muxia erst recht nicht zurück!

Wie nun längst gewohnt, fuhr ich wieder durch eine anspruchsvolle, gebirgige Landschaft an der Küste entlang. Sehr schön bewaldet und auf teils asphaltierten oder naturbelassenen schattigen Waldwegen geht es entlang. Ich genieße den voraussichtlich letzten Tag auf dem Camino. Immer wieder öffnen sich Blickachsen auf die Steilküste und den heute stürmischen Atlantik, aber auch auf menschenleere breite und zum Verweilen einladende Sandstrände.

Hier sind zudem nur noch überschaubar wenige Pilger unterwegs. Konsequent gehen bis Muxia nur die Ausdauerndsten! Durch einige sehr kleine, verschlafen wirkende Dörfchen, windet sich der gut markierte Pilgerweg und in einem davon – Lires – hole ich mir den ersten Tagesstempel. Dann taucht nach weiteren 12 oder 13km das bunte Fischerdorf Muxia auf. Ich durchfahre es, denn zuerst will ich zum Kap mit der schlichten und doch so legendenumwobenen Kirche, die ich bald erreiche.

Auch bezüglich Muxia sind Vermischungen zwischen früheren keltischen und  christlichen Glaubensaspekten nachweisbar. Schon in vorchristlicher Zeit glaubte man an die kultischen Wirkungen der eigenartig geformten Felsen am Kap von Muxia. Trotz christlicher Umdeutungsversuche blieb der populäre Volksglaube an die magischen Wirkungen der sonderbar geformten Steine erhalten. Ich lasse mir viel Zeit und schaue mir alles gründlich an. Komme auch sofort mit einigen Pilgern aus verschiedensten Ländern ins Gespräch. Vertrautheit stellt sich zwischen allen sofort ein, denn uns verbindet, auf nicht in Worte zu fassende Art und Weise, das Pilgern auf dem Camino. Zudem treffe ich direkt an der Kapelle, faktisch auf den allerletzten Metern meines Camino, nun doch noch auf zwei Pilger zu Pferd!

Dann nach Muxia hinein und dort zum Tourismusofficio. Mit dem 2. Tagesstempel von der Kapelle Virxe da Barca kann ich auch am letzten Tourtag wieder ein vollständiges Credencial vorlegen. Darin die nötigen Pilgerstempel ab Santiago de Compostela bis Fisterra und nun auch vom Weg nach Muxia darin. Deshalb  bekomme ich anstandslos meine dritte Pilgerurkunde, die “Muxiana”, hier ausgestellt. Sieht ebenfalls beeindruckend aus und wird ihren Platz neben den beiden anderen Pilgerdiplomen aus Santiago de Compostela und Finisterre finden.

Nun erst ist meine Pilgerreise nach exakt 2786km wirklich zu Ende.

Fin del Camino!

Die mir für immer unvergessliche Jakobsweg-Pilgerradtour hat ein Ende.

Nun geht es zurück nach Santiago de Compostela und es wird Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken, wie ich und besonders  mein mir erneut zuverlässig gedient habendes Reisebike wieder nach Deutschland bzw. nach Wernigerode kommen.

Die Busse von hier sollen auch Fahrräder mitnehmen, wenn zumindest das Vorderrad ausgebaut wird und die Kette/ Schaltung eingewickelt wird (genau so war es dann auch) und in Santiago de Compostela gibt es spezielle Firmen, die ihr Geld damit verdienen, die Räder der Radpilger wieder in deren Heimatstädte in ganz Europa zu schaffen. Berichte über Radtransporte mit öffentlichen Verkehrsmittel in Spanien und durch Frankreich füllen ganze Internetseiten. Wäre m.E. eigentlich kein Problem, aber “sie” machen ein höchst komplexes und kompliziertes daraus, zumindest was den Transport von unzerlegten Fahrrädern betrifft!

So finden die Fahrrad-Rücktransporter ein lohnendes Geschäftsfeld. Da habe auch ich mein treues Fahrrad, welches mir nun schon seit Jahren bei meinen Radprojekten zuverlässig und ohne wirklich große Defekte dient, zum Rücktransport angemeldet. Wieder in Wernigerode werde ich ihm aber eine “Reha- Maßnahme spendieren, denn das ist wirklich verdient. Ist das Fahrrad versorgt, dann werde ich wohl oder übel in die Niederungen des Alltags eintauchen, mich um die eigene Rückreise kümmern etc. pp. und, wenn es klappt, noch einmal in Santiago de Compostela an der Pilgerabendmesse teilnehmen, denn dann fliegt angeblich das  große Weihrauchfass , der Botafumairo, abschließend durch die Kathedrale – ein sehr beeindruckendes Spektakulum! Ich sah bisher nur das Kleine fliegen!

 

Am Samstag, 16. 09. 2017, treffe ich aus Finisterra über Muxia wieder in Santiago de Compostela ein. Auch die letzten 2 Stationen auf meinem Jakobsradweg sind erfolgreich und mit Erfüllung der Voraussetzungen für den Erwerb der beiden begehrten Pilgerurkunden „Fisterrana“ und „ Muxiana“ absolviert.

Es ist noch früh am Morgen und ich erledige gleich die Formalitäten für den Fahrradrücktransport nach Deutschland. In ca. einer Woche, so wird mir versichert, ist das Rad auch wieder in Wernigerode – na prima (es war dann schon am 4. Tag wieder heil und unversehrt da)!

Dann noch einmal in die wunderschöne Altstadt geschlendert. Wieder fasziniert mich diese geradezu natürliche Verknüpfung von Kunst, Historie und Religiösem mit dem alltäglichen Leben in dieser Stadt. Die Markthallen aus dem 18. Jahrhundert, Luftlinie vielleicht 300m von der Kathedrale entfernt, bersten geradezu vor Lebendigkeit. Markt ist täglich, aber Freitag/ Samstag besonders frequentiert, denn der Wochenendeinkauf steht an. Ich schlendere durch die Hallen und den davor und dazwischen von Landwirten aus dem Umland aufgebauten Gemüse- und Obstständen. Schau mir die prächtigen Produkte an, die allein schon ein Augenschmaus sind, und verweile besonders lange in den beiden Hallen, die offenbar dem Fisch und Meeresfrüchten vorbehalten sind. Was für ein riesiges und vielfältiges Angebot! Nun ja, wir sind da direkt am Atlantik, wo sollte das Angebot wohl frischer und reichhaltiger sein? Kein Wunder deshalb auch dass die „Mariscada“, eine gemischte Fisch- und Meeresfrüchteplatte, vielen Pilgern nach Ende der Pilgertour, gewissermaßen als Festschmaus mit dem man sich selbst belohnt, gerade Recht kommt. Ich schau mir einige Varianten an. Viel zu mächtig für mich, dass bekomme ich ja nie weg! Aber ich beobachte, wie bei einem Muschel- und Austernhändler mehrere Kunden nicht nur einkaufen, sondern sich vom Händler – direkt am Stand – Austern öffnen lassen, Zitrone dazu bekommen und an Ort und Stelle die Austern schlürfen. Das mache ich dann auch und wie man heute so sagt: „Das hat was!“ Am frühen Nachmittag dann in eine Bodega, die mir schon vor Tagen wegen ihres urigen Ambientes aufgefallen und am Abend so gefüllt war, das ich keinen Platz dort bekam. Nun ist ein kleines Tischchen frei. Mein fragender Blick wird mit einladender Geste beantwortet. Der typisch galicische Salat mit Walnüssen, glasierten Zwiebeln und gegrilltem Ziegenkäse, dazu ein Glas einheimischen Rotweines – einfach köstlich. Zwei kleine Zweiertische neben mir sind von je einem Ehepaar besetzt. Das Ehepaar, welches entfernter sitzt, hat mich an meinem Pilger – Handgelenkbändchen, identifiziert und ruft herüber, ob ich auf dem Camino war. Ich bejahe und weiß, was gleich passieren wird, denn das passiert ständig seit 3 – 4 Tagen! Also übernehme ich schnell die Gesprächsführung. Sie sind aus den USA, aus Oregon, kommen seit vier Jahren jährlich nach Europa und pilgerten in jedem Jahr auf einer der Caminorouten. Dann fragen sie mich, woher ich komme. Germany haben sie bereits am Akzent erkannt. Den Harz kennen sie nicht. Ich kann ihnen auf einer Skizze der europäischen Pilgerwege, wo schon Goslar verzeichnet ist, meine Route erklären. Das ich direkt im Harz meinen persönlichen Jakobspilgerweg begann und nun insgesamt 2786 km mit dem Fahrrad gepilgert bin, muss ich zweimal wiederholen. Ich genieße den Respekt und die Anerkennung, die ich hier seit Tagen, immer wenn nach dem wohin und woher gefragt wird, erfahre. Sie alle waren auf dem Camino unterwegs, manche hunderte von Kilometern und wissen daher, was dahinter steckt. Ich erkläre ihnen Details meiner Route. Bei der Benennung der Teilroute „Via Touronensis“ sind sie wie elektrisiert. Ich bekomme das Smartphone gereicht, Google ist schon aufgerufen und tippe ihnen „via touronensis“ ein. Sie schauen sich einiges im Netz an, fragen immer wieder nach und ich glaube, damit habe ich ihnen vielleicht die Vorlage geliefert, wo sie möglicherweise 2018, dann in ihrem 5. Jahr auf dem Pilgerweg unterwegs sein werden!

Ob ich selbst nochmals auf einer anderen Route unterwegs sein werde, weiß ich im Moment nicht. Allerdings gefiel mir auch der küstennahe Camino del Northe sehr. Ich hatte ihn probehalber schon einmal durchgeplant, aber bezweifelte, ob ich nach vorhergehenden fast 2000 km noch die Kraft haben würde, an den folgenden ca. 10 Tagen insgesamt um die ca.10000 Höhenmeter zu bewältigen. Nun ja, reizvoll wäre der Camino del Northe schon…

In ganz Europa, wird ja eifrig an den Pilgerwegen des Mittelalters geforscht. Zwischen dem 14. – 16. Jahrhundert überzog ein Pilgerwegenetz ganz Europa, etliche davon liefen durch jene Gegenden, die heute Deutschland sind. So gibt es inzwischen in Deutschland, in allen Bundesländern, auch in Sachsen – Anhalt, „Jakobsgesellschaften“, die an den alten mittelalterlichen Pilgerrouten forschen, diese dann wieder „in Betrieb nehmen“; sie mit dem Symbol der gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund markieren. Ich z.B. habe mir meinen ersten Pilgerstempel im Kloster Huysburg, hier ganz in der Nähe von Halberstadt, aber auch nicht weit von Wernigerode, bei den dortigen Benediktinern in mein Credencial stempeln lassen. Dort finden sich auch frisch restaurierte Pilgerwege und da der Huy immer einen Ausflug wert ist, könnte man – so man mag – da einmal Pilgerschnuppern. Man muss ja nicht gleich die Riesentour in Angriff nehmen und nach wie vor starten die meisten an der spanisch – französischen Grenze in Saint Jean Pied de Port. Viele gehen jahrelang, immer wenn sie Urlaub haben einige Etappen. Ich habe viele dazu befragt und bin zu dem Schluss gekommen, dass Tagesetappen (zu Fuß)  durchschnittlich zwischen 20 – 35km lang sind. Wieder andere gehen eine der Routen nach der anderen. Denn neben dem sogenannten „Camino Frances“, der Hauptroute, gibt es z.B. noch den Camino del Northe, den Camino Portugues, den Camino Primitivo etc. und etliche variieren auch ihre ganz individuelle Route.

Ziemlich sicher wird sich im Harz bezüglich der Jakobswege in den nächsten Jahren noch viel Neues ergeben. Zahlreiche Aktivitäten gibt es schon, Huysburg und Goslar sind, wie erwähnt, bereits wieder ins Pilgerwegenetz eingebunden und auf dem Weg nach Höxter mit seiner berühmten, über 1200 Jahre altem karolingischen Westwerk, welches zum Weltkulturerbestatus der UNESCO führte, im sehr schönen Dom von Bad Gandersheim, sicherte ich mir dann meinen zweiten Stempel. In Höxter, wo Hoffmann von Fallersleben, der Schöpfer der deutschen Nationalhymne begraben liegt, was ich bis dato nicht wusste, dann den dritten …

Was ich an jedem einzelnem Tourtag auf diesen traditionellen, historischen Jakobswegen, auf denen ich ja vom ersten Tag in Wernigerode an bewusst unterwegs war, aber auch schon in der gründlichen Vorbereitungsphase, erfahren und gelernt habe, hat mich als Persönlichkeit in jeder Hinsicht so bereichert, dass es jeder, wirklich jeder, Mühe wert war!